Satomi Edo

Allgemeine Konzept
Interview
Recognition of History - Hiroshima
...gestrige Anwesenheit
Lady - made
Von seidenen Fäden
Das Schloss - Das Paradies
Αund Ω

INTERVIEW SATOMI EDO

Rundgang 2011 der Kunstakademie Münster, 14h15

Im zweiten Obergeschoss der Akademie sitzen wir mit Cappuccino in Plastikbechern und Kuchen auf unseren Servietten in verblassten Polstersesseln zusammen, in einer Art Wohnzimmer mit Akademie-typischem Betonfußboden und neu hinzugefügten gold-gerahmten Stillleben – wir sitzen inmitten ihrer Installation „Dies ist kein Apfel“.

EIN SCHRITT WEITER

Katrin Kruppa: Was mir aufgefallen ist, du bist letztes Jahr zur Meisterschülerin ernannt worden, ist das eine Ehre? Freut dich das?

Satomi Edo: Ja, ich freu mich, aber eigentlich nicht so sehr. Ich weiß es nicht. Meisterschülerin zu sein, ist nicht so besonders. Das heißt, ich bin eine Stufe Schritt weiter.

KYOTO UND MÜNSTER

Wie bist du in Münster gelandet?

Das ist eine lange Geschichte. Erst einmal habe ich im Arte Studium in Kyoto schon große Interesse gehabt für Mode und Kunst in Deutschland, z.B. Beuys oder Anselm Kiefer. Danach war ich im 7. Semester in Deutschland gewesen, auch an der Kunstakademie Düsseldorf und Kunstakademie Münster und noch weitere Kunstakademien einfach so besucht, Leute kontaktiert und gesprochen.

Gab es einen bestimmten Punkt, an dem dir klar war, dass du aus Japan weggehen wirst?

Es war eine besondere Situation. In meiner Kindheit habe ich immer so Probleme gehabt: ja, du bist Christin. Als Kind macht das einen ein bisschen böse, man ist ein bisschen anders.

Das heißt, obwohl du Japanerin bist, in Japan aufgewachsen bist, hattest du ein Gefühl des Anderssein, des Fremdsein aufgrund deiner Religion? Weil deine Familie Christen sind?

Die Hauptreligionen sind Shintoismus und Buddhismus…

…das heißt ihr ward eine Minderheit…

Ja, eine Minderheit. Das hat einfach verletzt. Mein Vater war Pastor. Er hat auch seine Heimatstadt und Familie verlassen, fürs Studium, meine Familie ist sehr kompliziert.

Wann gab es diesen Punkt, an dem dir klar wurde, dass du definitiv nach Deutschland gehen wirst und zwar nicht nur als Gaststudentin?

Erst einmal brauchte ich Abstand von meiner Familie. Ich zweifelte. Was ist Religion? Die Menschen sind immer abhängig von Religionen. Ich war aber trotzdem eine gute Christin, das war eine große Aufgabe in der Familie und in der Kirche. Deshalb brauchte ich Abstand von der Religion und Abstand von meiner Familie.

Du hattest 2008 eine sehr starke Rauminstallation angefertigt: „Im Schatten“ . Zeigt diese den Bruch mit der Einengung? Sie besteht aus einem Kinderstuhl im Schatten eines riesengroßen Familienwappens.

Das war schon ein Hintergrund. Das heißt, zurzeit gibt es nicht mehr so viele Traditionen, aber trotzdem Teile der japanischen Gesellschaft sind immer noch konservativ, auch im Familienleben.

Du reist sehr viel, bist sehr viel unterwegs. Gibt es einen Ort, von dem du sagst, das ist mein Zuhause?

Bis jetzt gibt es noch keinen. (leichtes Auflachen) Ich weiß es nicht, aber ich bin immer noch unterwegs. Immer noch habe ich den Ort noch nicht gefunden – ich fühl‘ mich so.

Du bist also eigentlich auf Wanderschaft? Seit wann kam das als Thema zu Fremdheit hinzu?

Seit 2 Semestern. Erstmals in Münster habe ich so ein Gerüst aus Kunststoff gebaut, ein Zelt, das genauso aussieht wie ein Haus. Ich habe das selbst genäht und das war die erste Wanderung-Arbeit, sozusagen. Danach habe ich ein Jahr das Thema nicht weiterentwickelt, aber wegen der EMSCHERKUNST2010 bin ich wieder auf das Thema gekommen, also, mit „Campingplatz“ oder „Nomade“.

Das sind einmal „Der Nomade“ von 2010 , deine Zelt-Installationen, und deine Video-Installation „Wohnsitz“, die auch hier beim Rundgang ausgestellt ist. Ist das dann für dich immer noch eine persönliche Auseinandersetzung oder ist es auch eine politische Auseinandersetzung? In welche Richtung geht das für dich?

(Pause) Eigentlich in eine politische Richtung. Natürlich ist der Hintergrund schon deutlich, aber die große Motivation für meine Arbeit kommt von meinen Erfahrungen her.

DAS UNHEIMLICHE IN DER FAMILIE

Wie hat sich der Kontakt zu Julia, Laura und Evelyn eigentlich ergeben? Ihr seid ja alle mittlerweile, außer Laura, Meisterschülerinnen von den Löbbert-Brüdern – wie habt ihr euch für die Göttinger Ausstellung zusammen gefunden?

Vor einem Jahr, glaube ich. Ja, Julia hat mich einmal gefragt, ob wir einfach zusammen so ein Projekt planen und uns bewerben wollen. Julia und ich hatten an einem Seminar bei Belinda Gardner zusammen teilgenommen. Sie hat uns damals einen Text gegeben, der Titel war „Unheimlich“. Und danach haben wir, Laura, Julia und ich, in Julias Wohnung diesen Text wiedergefunden und wir: „Ah, unheimlich!“ Und Laura hat gesagt: „Das passt genau zu deiner Familiengeschichte“ und es passt auch auf meine Arbeiten. Und danach haben wir noch einmal darüber gesprochen und es zu unserem Thema „Unheimlich“ gemacht.

Was ist das Unheimliche in deiner Familiengeschichte?

Der Charakter Japans oder der Charakter in Kyoto.

Kannst du das beschreiben? Was macht diesen Charakter unheimlich?

(überlegt) Dieses Versteckt-Gefühl.

Sich verstecken zu müssen?

Das heißt, in Kyoto, wir sprechen nicht einfach offen. Wir reden immer indirekt. Das heißt, wir sprechen die Worte, aber wir schätzen dabei ab, was sie meinen. Zum Beispiel: Jemand oder eine Bekannte besucht ein Haus und will die Party oder die Einladung beenden. Dann versteckt der Hausbesitzer einen Besen auf dem Flur. Wir können dann nicht direkt sagen: „Wir machen Schluss!“

Man kann nicht das, was man sagen möchte, direkt sagen, man muss es auf symbolischer und bildhafter Art und Weise tun. Es gibt ganz klare Regeln, was man darf und was nicht?

Also, zum Beispiel Reissuppe essen, das bedeutet Schluss, nicht mehr….

Wenn ich frage, möchten Sie Reissuppe, heißt das so viel wie, ihr müsst jetzt gehen?

Ja, genau.

Wie antworte ich dann darauf? Mit „Nein, Danke“?

(lacht) Ja, mit „Nein, Danke“ und ich gehe dann langsam weg. Aber wenn man nicht weiß, was das bedeutet, und sagt, man möchte gerne, dann ist der andere später sauer.

BLAU - ORANGE ZUM WOHNEN

Im Künstlerhaus in Göttingen gibt es zwei Etagen. Welche Arbeiten nimmst du mit nach Göttingen?

Die Zelt-Arbeit. Im Zelt fliegen oder spielen Schmetterlinge. Durch die Beleuchtung kommt Schatten auf die Oberfläche.

Was hat es mit diesen Zelten auf sich? Wird es wieder ein orangefarbenes Zelt sein?

Es ist einfach eine positive Farbe. Bei uns gibt es genauso solche Gewebeplanen, nur in Blau.

Nur in Blau?

Genau. Die waren ganz typisch, man nennt es einfach ‚Blaue Folie‘. Das hat eine große Bedeutung. Obdachlose benutzen genau so eine blaue Folie und bauen sich damit eigene Hütten. Deshalb ist für mich die blaue Folie ein bisschen positiv, das heißt, sie ist nicht nur negativ, natürlich ist sie auch positiv. Aber man kann mit dem Zelt Leute und neue Orte kennenlernen. Aus dieser negativ-positiv-Meinung entstehen meine Arbeiten. Ich setze die Planen positiv ein, deshalb auch die orangene Farbe, sie ist für mich die Sonnenschein-Farbe. Einfach ein Warm-Gefühl und positiv. Überleben.

Das heißt, das orangefarbene Zelt – ist das ein direkter Nachbau von diesen blauen Zelten, die es tatsächlich für Obdachlose in Japan gibt? Ist es ein Nachbau?

Die Form ist ganz anders. Viel einfacher, die Obdachlosen bauen mit der blauen Plane, aber nicht in Zeltform, einfacher.

Wie bist du zu dieser Zeltform gekommen?

Die Form kommt vom Jäger-Zelt. (lacht) Es ist nicht auf dem Boden, es hängt an einen Baum, deshalb heißt es Jägerzelt. Gefährliche Tiere, Bären, kommen zwar drunter, aber es besteht keine Gefahr, weil es ja am Baum hängt.

Das heißt, du wirst im Keller das Zelt aufhängen?

Ja.

Ist das mit den Schmetterlingen innerhalb eines Zeltes eine neue Komponente?

Ja.

Wie kommt es zu diesen Schmetterlingen?

Die Schmetterlinge sind eigentlich Nachtschmetterlinge, Nachtschmetterlinge fliegen zu dem Licht im Zelt.

DAS UNNORMALE

Was wird dein Beitrag im Erdgeschoss sein, im Schwimmbad?

Es gibt da eine kleine Einbauküche. Die ist in einer Ecke, ein kleiner Raum mit einer kleinen Tür und mit einem kleinen Fenster. Und ich hänge dort mein kleines Modell von meinem Zimmer hinein. Durch das Fenster sieht man mein Zimmer. Das heißt im Kurhaus oder Schwimmbad gibt es dann einen persönlichen Raum.

Ich weiß nicht, ob es klappt oder nicht, aber ich hänge auch eine große Wanduhr auf und der Zeiger läuft sehr schnell. Ich weiß noch nicht, ob ich es schaffe. Ich bin bald 10 Jahre in Deutschland, und 10 ist auch eine schöne Zahl und wir fragen ja oft, was machst du in 10 Jahren? Was hast du vor 10 Jahren gemacht? 10 Jahre ist ein besonderer Zeitpunkt, 10 Jahre bin ich in Deutschland. Deshalb wollte ich die Uhr mit 10facher Geschwindigkeit laufen lassen.

Findest du dich im Titel wieder? Worin besteht das (Un)Heimliche in deinen Arbeiten?

Das ist ein Spiel mit heimlich und unheimlich, das heißt, der Titel der Ausstellung beschreibt eine unnormale Situation.

5 WÖRTER, DIE DIR ZU „UNHEIMLICH“ EINFALLEN?

Beziehung, Familie, Klima (nicht Natur, nicht Wetter, nicht Atmosphäre – Klima ist so viel mehr), Zivilisation und angenehmes Gefühl

Ein angenehmes Gefühl ist unheimlich? Misstraust du angenehmen Gefühlen?

Man braucht etwas anderes, etwas fehlt, so ein negatives Gefühl oder eine Unsicherheit – nur dadurch geht man einen Schritt weiter.

5 WÖRTER, DIE DIR ZU „HEIMLICH“ EINFALLEN?

Sonne, Wasser, leckeres Essen, Geräusch von Wasser ( das Rauschen), Nebel, Dasein

Der Kaffee von Satomi ist ungetrunken kalt geworden. Wir diskutieren, ob „heimlich“ und „unheimlich“ ein Gegensatzpaar ist und einigen uns darauf, dass „vertraut“ ein Antonym zu „unheimlich“ sein könnte.

Katrin Kruppa, M.A.
Kunsthistorikerin

Interview: Künstlerin Satomi Edo mit Katrin Kruppa (Kunsthistorikerin, M.A.) Februar 2011