Weltbilder von Satomi Edo
Das Augenmerk des Betrachters richtet sich auf eine überschaubare Anzahl kleinformatiger Bilder, die je nach einer bewusst ausgewählten künstlerischen Technik an den Wänden platziert sind: in einem Block von neun Arbeiten, dann in einer Linie nebeneinander, dann von der Decke im Raum schwebend aufgehängt und zuletzt als Fensterbild kulminiert. Innerhalb der gezeigten Auswahl vermag der geschulte Blick eine ganze Bandbreite verschiedener Mittel künstlerischen Ausdrucks zu identifizieren, die zu einem komplexen, hochästhetisch wirkenden Gesamteindruck beitragen: Aquarell, Zeichnung, Collage, Cut-out, 3D-Druck. Als zusammengehörig lassen sich die Arbeiten durch das sich wiederholende Motiv der Kartographie erkennen. Jedoch ist dies um stärker hervorzuheben, dass es nicht einfach nur motivische Vervielfältigung ist. Die japanisch-deutsche Künstlerin Satomi Edo, die sich seit Jahren mit diesem Thema beschäftigt, stellt zwar viele Bilder desselben Gegenstandes her, sie konzipiert sie aber immer anders und nennt sie New Ground.
Im Großen und Ganzen repräsentieren die Kartographien verkleinerte, vereinfachte Abbilder der Erdoberfläche und somit erlauben sie dem Benutzer, sich in dem territorial organisierten Raum zu orientieren. Dennoch erscheint die Suche nach den Nachbildungen bekannter Kontinente oder Inseln in den Arbeiten von Satomi Edo vergeblich, denn hier kommt die künstlerisch subjektive Wahrnehmung der Welt und ihrer Landschaften zum Ausdruck. Die Künstlerin übernimmt die Rolle des Demiurgs und widmet sich einer äußerst kreativen Aufgabe, nämlich der Erschaffung der Welt nach ihrer Vorstellung. Jede Einzelarbeit besitzt eine eigenständige Aussage über das jeweils Dargestellte. Eine einzelne Aussage scheint der Künstlerin nicht ausreichend zu sein und aus diesem Grund erstellt sie eine Zusammenschau mehrerer Variationen. Diese können nach Bedarf fortgesetzt oder reduziert werden, ohne die grundlegende Idee zu gefährden. Die Zusammenschau aller Arbeiten bietet allerdings eine erschöpfende Interpretation. So ein Prinzip, die Kartographien zu entwerfen, sei mit der Idee mentaler Karten vergleichbar,
„[…] die unsere wechselnden Kenntnisse der Welt widerspiegeln und deshalb mehr oder weniger komplett, korrekt oder verzerrt sind. […] Die mentalen Karten zeichnen sich durch Verzerrungen sowie selektives Wissen und Erinnern aus. Sie stellen einen Raum so dar, wie der Einzelne glaubt, dass er sei.“(*1)
Die Wandlung des Weltbildes zeugt von einem experimentellen Arbeitsprozess, der die Fragen nach der Beschaffenheit, dem Material aufwirft. In den aktuellen Zeiten der Herstellung zahlreicher synthetisch gewonnener Werkstoffe, welche noch unentdeckte Eigenschaften bieten und in sich neue Substanzen bergen, entfernt sich Satomi Edo von innovativen Produkten und findet ihre Faszination in der Naturbelassenheit des Materials wieder. Als Sinnbild der Totalität aller schöpferischen Kräfte wählt sie das Ei, das „[…] die gesamte Welt, die Elemente oder zunächst oft nur Himmel und Erde aus sich entließ.“(*2) Die Künstlerin sieht in den Schalen der gekochten Eier besondere Artikulationsmöglichkeiten, die sie sowohl aus ihrer Beschaffenheit – fragile Struktur, vollkommene, glatte Oberfläche, freundliche Naturfarben - als auch aus mythologischen Kontexten ableitet. Die einfache, vertraute Frühstücksaktion – ein gekochtes Ei zu pellen verwandelt sich in eine kreative Denk- und Konstruktionsaktion. Die größeren und kleineren Bruchteile der Eierschalen werden an einander gefügt und dadurch lassen sich unbeschriebene Territorien und Ortschaften chiffrenhaft erschaffen.
Eier gehören zu den natürlichen Produkten, deren Hülle vor dem Verzehr entfernt werden muss. Ihre Schale, die als eine Karkasse dient, wird aufgebrochen, um die innere, nährende Substanz preiszugeben. Nun liegt sie offen, ohne Schutz da und ist jeglicher Gefahr ausgesetzt.
„[…] die ganze Lebenstätigkeit verlangt eine Hülle, die gegen das äußere rohe Element, es sei Wasser oder Luft oder Licht, sie schütze, ihr zartes Wesen bewahre, damit sie das, was ihrem Innern spezifisch obliegt, vollbringe. Diese Hülle mag nun als Rinde, Haut oder Schale erscheinen; alles was lebendig wirken soll, muß eingehüllt sein.“(*3)
Mit Goethe gesprochen, kennzeichnet die Schale eine Grenzregion, die das Innen vom Außen trennt und den Eintritt in den inneren Raum nicht zulässt. Vor diesem Hintergrund erscheint es stringent, dass Satomi Edo die Eierschalen nicht nur wegen ihres schlichten ästhetischen Reizes für ihre Kompositionen verwendet. Sie nutzt auch ihre stofflichen Eigenschaften als Bau- sowie Verkleidungsmaterial. Sie „verpackt“ ihre Welt bergend und verleiht ihr somit einen Schutz, wenn auch einen sehr fragilen. Etwa in diesem Sinne äußert sich Hideyuki Oka, indem sie behauptet: „Verpacken bedeutet für uns Japanern, einen ˃rituellen Akt der Reinigung˂ vollziehen, indem das ˃Reine˂ vom ˃Unreinen˂ […] getrennt wird.“(*3) Als Ziel erweist sich demnach, das besondere Merkmal, das Charakteristische des natürlichen Materials zum Ausdruck zu bringen.
Das Zusammenfügen der Einzelteile von Eierschalen zu einem Weltbild ist nicht das endgültige Ergebnis. Der ästhetische Reiz verdankt sich der Über-Setzung der Kompositionen in andere Medien – in Malerei, Zeichnung, Cut-out, 3D-Drucke und in ein Fensterbild. Meisterhaft überträgt die Künstlerin durch das Aquarell und die Zeichnung nicht nur die Wölbungen, die Scharfkantigkeit, die Bruchstellen, den Farbton der Schalen auf Papier, sondern auch die bemerkenswerte Dynamik, die sich auf der Karte ereignet. Die nachahmend entstandenen Kontinente und Inseln werden ausgeschnitten und auf Millimeterpapier bzw. auf Papier mit größerer Quadratur platziert. Im Zusammenspiel mit der Farbe des Hintergrunds (Türkis, Hellgrau, orangenfarbiges und türkises Lineament) kommen die Weltkompositionen besonders ästhetisch zur Geltung.
Im Cut-out spiegelt sich eine weitere Herangehensweise an das Thema. Diese Arbeiten verblüffen durch ihre dreidimensionale und räumliche Fernwirkung, die durch das akribisch ausgeschnittene, netzartige Lochgewebe zum Vorschein kommt. Sie wirken daher eher abstrakt als nachbildend und könnten eine vernetzte Welt darstellen. Die 3D-Drucke, die die Künstlerin von der Decke hängen lässt, zeigen einen Schritt in die moderne Vervielfältigungstechnik, wie etwa Fotographie, Seriegraphie u.a. Mit Hilfe dieser Technik entstehen reliefartige, weiße Täfelchen, die einerseits genaue Abbildungen der Eierschalenform zeigen, andererseits verbergen sie in den Kompositionen überraschende Zufallsdetails. Sie sind das Ergebnis der hochsensiblen Übertragungsfunktion, die diese Details immer anders „interpretiert“.
Dieses serielle Projekt erreicht seine Kulmination an einem Fenster, das durch seine Größe (5 × 2,8 m) sowie seinen Einbauplatz im Erdgeschoss einem Schaufenster ähnelt. Es zieht allerdings die Aufmerksamkeit der Passanten nicht als ökonomisches Medium, sondern als Medium visueller Kommunikation an, das Ein- und Ausblicke gewährt, das die Bedeutung der Schwelle von Innen- und Außenraum trägt und das als Lichtquelle erscheint. Auch bei diesem Fenster kommt man ohne den
(*1) Walter Leimgruber: Die Karte als Ausdruck von Vorstellungsbildern. In: Karten, Kartographie und Geschichte. Von der Visualisierung der Macht zur Macht der Visualisierung, Zürich 2009, S. 24. (*2) Vgl. Herder-Lexikon Symbole, Freiburg, Basel, Wien, S. 39-40 (*3) Johann Wolfgang Goethe: Bildung und Umbildung. In: Maturwissenschaftliche Schriften, Bd. 17 der Artemis- Gedenkausgabe, Zürich 1977, S. 17. (*4) Hideyuki Oka: Gestalten mit Herz. Betrachtungen über die traditionelle japanische Verpackung. In: Wie verpacke ich fünf Eier, Köln 1981.