Eine transformierte Heimat
Zur Arbeit „HEIMAT KARTE_NEW GROUND 30082024“ von Satomi Edo, Münster
von Nana Tazuke-Steiniger
"Humpty Dumpty sat on a wall, Humpty Dumpty had a great fall. Four-score Men and Four-score more, Could not make Humpty Dumpty where he was before"(*1)
Heimat – ふるさと (Furusato). Wenn ich dieses japanische Wort höre, denke ich an ein Lied aus einem Musiklehrbuch, das 1914 von Takano Tatsuyuki geschrieben und von Okano Teiichi komponiert wurde. Ich sang das Lied immer wieder in der Schule. Takano, der seine Heimat bereits verlassen hatte als er das Lied schrieb, schwelgt durch Beschreibungen von Landschaften in der Natur und Gedanken an die Familie in Nostalgie. Seine persönlichen Erinnerungen werden ästhetisiert dargestellt. Trotz des persönlichen Bezugs zu seinen eigenen Gefühlen und seiner Heimat, stellt die Nostalgie letztendlich eine universelle Verbindung zwischen Menschen dar – unabhängig von der jeweiligen Herkunft.
Das Lied „ふるさと (Furusato)“ spielte auch in der Politik während des Zweiten Weltkriegs eine wichtige Rolle für Japan. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hatte Japan seine Territorien in ost- und südostasiatischen Ländern erweitert, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zurückgegeben wurden. Das Lied „ふるさと (Furusato)“ wurde während des Kriegs vom Bildungsministerium als Schullied und Symbol für den japanischen Sprachunterricht bezeichnet, weshalb ältere Generationen von Bürger*innen in ehemaligen japanischen Kolonialgebieten, die zwangsweise Japanisch gelernt hatten, das Lied kennenlernten(*2). Unter der japanischen Herrschaft wurden Einheimische gezwungen, an ein „Vaterland“ zu glauben. Leider ist diese Maßnahme keine überholte Vorgehensweise, wie unter anderem das aktuelle Beispiel in der Ukraine zeigt.
Wir denken an die Heimat und stellen unsere Identität in Frage, wenn wir einen eng mit einem selbst verbundenen Ort für längere Zeit verlassen (müssen). Abwesenheit kann die Sehnsucht nach einer Heimat wecken. Obwohl sich die Künstlerin Satomi Edo (*1970 in Kyoto) mit dem Thema Heimat intensiv auseinandersetzt, stellt sie nicht die nostalgische Bindung an einen Ort in den Mittelpunkt, sondern behandelt Heimatlosigkeit, die durch Migration und Umzüge entsteht. Anders als Arbeitsmigrant*innen und Geflüchtete kam Edo 2001 nach Deutschland, um an der Kunstakademie Münster Bildende Kunst zu studieren. Durch das bereitwillige Aufgeben der Präsenz in ihrer Heimat, also dem Aufbau einer Distanz zu dieser, versucht sie eine objektive Position einzunehmen, um eine Darstellung des Themas zu ermöglichen, die nicht nationalistisch oder radikal ist. Ganz im Gegenteil, Edo gelingt es, die Heimat von ihrer Bindung an den Ort zu befreien und der Gleichheit der Menschen, unabhängig von den Ländern und den Gründen für die Migration in ein neues Land, eine universelle Bedeutung zu geben. Während sich die persönliche, biografische Verbindung von Edo auf Deutschland und Japan beschränkt, geht es ihr um mehr als diese zwei Länder. So ist ihr Frühstücksworkshop, der zu einem ikonischen Teil ihrer Arbeit geworden ist, offen für alle Teilnehmende, unabhängig von deren Herkunft und Zugehörigkeit. Durch die Interaktion zwischen verschiedenen Menschen in den Workshops wird der Blick auf die Welt noch breiter und vielschichtiger.
In dem Frühstückworkshop von Edo werden Hühnereier geschält. Anschließend wird aus den Eierschalen auf den Tellern eine Weltkarte geformt. Für sie ist das Ei eine Metapher für das Leben. Die Eierschalen sind die Hülle, die das Leben schützen. Sie verweisen aber auch auf die Zerbrechlichkeit und die Unwiederbringlichkeit. Wenn sie einmal kaputt sind, können sie nie wieder die gleiche Form wie vorher annehmen. Dieser Thematik widmete sich beispielsweise auch der amerikanisch-japanische Künstler Isamu Noguchi (1904 – 1988), indem er 1946 nach den zwei Atombombenangriffen auf Hiroshima und Nagasaki eine Skulptur mit dem Titel „Humpty Dumpty“ erschuf, in Anlehnung an das gleichnamige Gedicht, welches ebenso das Unwiederbringlichsein thematisiert. Ich habe jedoch den Eindruck, dass wir trotz den wiederholten, brutalen und tragischen Erfahrungen nicht viel aus der Vergangenheit gelernt haben. Edos Auseinandersetzung mit den Eierschalen appelliert an uns, über die aktuelle Weltlage und darüber, wie wir potenziell eine Welt mit- und füreinander gestalten können, nachzudenken. Krisen, Kriege, Naturkatastrophen, Klimawandel… alles, was einmal zerstört wurde und wird, kann nicht genau so rekonstruiert werden, wie es einmal war, und die betroffenen Lebewesen einschließlich Menschen werden nie mehr zurückkehren. Jede Heimat verändert sich durch äußere Faktoren, die oft von uns, den Menschen, verursacht werden.
Die Gestaltung der Weltkarten im Workshop ist den Teilnehmenden überlassen. So frei und flexibel wie die Gestaltung ist, entstehen neue Weltbilder, die die Künstlerin Satomi Edo als „Heimat Karte“ bezeichnet. Im Bezug auf die Darstellung von Weltkarten führen Diskussionen immer wieder zur Thematik des Eurozentrismus, da gängige Weltkarten Europa zentral positionieren. Das Zentrum der Weltkarte ist auf den Ort der Herstellung abgestimmt. Das bedeutet, dass die in Japan hergestellte Weltkarte Japan in der Mitte hat. In Australien ist der Südpol sogar ganz oben auf der Karte zu sehen.
Die neue Arbeit „HEIMAT KARTE_NEW GROUND 30082024“ von Edo am Fenster der Fahrradstation am Hauptbahnhof in Münster ist eine ortsbezogene Installation, die nicht nur von Nutzer*innen der Fahrradstation, sondern auch von Bürger*innen und Besucher*innen der Stadt gesehen werden kann. Die Formen auf der Karte entstanden aus der Schale von einem Ei, deren Umrisse per Hand auf Folien aufgetragen und ausgeschnitten wurden. Die großflächige Arbeit im öffentlichen Raum mit der gezielt ausgewählten gelben Farbe, welche auch an anderen Stellen der Fahrradstation verwendet wird, bedeckt die großen Fensterflächen. Die langgestreckte Arbeit direkt an dem schmalen Bürgerseig vor der Bushaltestelle ist auf den senkrecht gegliederten Fensterrahmen installiert. Da der Bürgersteig so schmal ist und Busse direkt vor der Installation halten, können Betrachter*innen die Arbeit nur angewinkelt von der Seite sehen. Edo kürzt oder erweitert daher einzelne Segmente der Arbeit an deren unteren und oberen Seiten dreiecks- oder trapezförmig, um Bewegung in ihre Arbeit zu bringen. Die dadurch entstandenen diagonalen Linien ermöglichen es, die zweidimensionale Arbeit aus einem seitlichen Blickwickel heraus plastisch darzustellen, so wie auch Theo van Doesburg mit diagonalen Linien arbeitete.
Darüber hinaus wird die Bedeutung der Karte der Künstlerin durch den öffentlichen Raum erweitert: Der Hauptbahnhof ist ein Eingang, welcher zahlreiche Menschen ungefiltert an einem Ort begrüßt und verabschiedet. Die Örtlichkeit des Hauptbahnhofs unterscheidet sich damit drastisch von Edos regulären Ausstellungsorten wie Kunstvereinen und öffentlichen Einrichtungen, die – gewollt oder unweigerlich – die Zielgruppe und die Nutzer*innen in gewisser Weise einschränken. In einem Hauptbahnhof können sich verschiedenste Menschen aus allen Orten der Welt aufhalten, solange die Grenzen zwischen Städten und Ländern nicht geschlossen sind. Diese einzelnen Fragmente am Hauptbahnhof, die unter zufälligen Bedingungen an einem Ort zusammenkommen und eine Konstellation bilden, können mit den zufälligen Formen der Eierschälen auf der „Heimat Karte“ in Verbindung gebracht werden.
In den Karten von Edo gibt es von Anfang an kein Oben und Unten, kein Links und Rechts – die Karten sind dezentriert. Das Gesamtbild hängt von der individuellen Form der Schalenteile und deren Kombination ab. Würden alle Bruchstücke der Eierschalen, die alle unterschiedlichen Formen haben, die Einzigartigkeit und Vielfalt der Menschheit darstellen, die alle Nationalitäten, Geschlechter und Religionen umfasst, könnte Satomi Edos fiktive Weltkarte eine transformierte Welt symbolisieren, in der wir alle nebeneinander leben. Wie wir unsere Welt gestalten, liegt an uns selbst.
(*1) Zitat aus dem Gedicht “Humpty Dumpty” (1797) von Samuel Arnold. (*2) Vgl. Ogawa, Takahiro 小川尭洋: Nihongo no utagoe ga hibiita chūgoku ryokō no basu. Sekimen shi atama wo sageta watashi no chichi no negai 日本語の歌声が響いた中国旅行のバス: 赤面し頭を下げた私の父の願い (Auf einer Busreise in China mit japanischem Gesang. Wunsch meines Vaters, der errötete und sich entschuldigte). In: Asahi Shimbun Digital, 13.08.2024, https://digital.asahi.com/articles/ASS8931HTS89ULLI00GM.html (letzter Zugriff: 16.08.2024).